Niemand braucht teure Gläser

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DMS im Gespräch mit Max Freiherr.

Herr Schnurbein, bei uns im Direktorenhaus
steht eine Vase, die Sie mit einem Designer gestaltet haben …

Mit wem denn?

Christian Haas, der hat bei Theresienthal sehr schöne Sachen gemacht. Seine Glasobjekte sind auf eine heutige Art romantisch. Ist das Ihre Firma auch?

Wir arbeiten natürlich in einer historischen Stätte mit traditionellen Werkstoffen und Handwerkstechniken – aber bei einem Automobil ist die Metallverarbeitung letztendlich auch traditionell. Man muss immer schauen, welches Produkt man herstellt und inwieweit es in die Gegenwart passt. Und wenn man versucht, seinen Platz in der Gegenwart zu erhalten, verliert man in Wirklichkeit sehr schnell die Romantik.

Und was kann dann das Neue sein, das bei Theresienthal aufscheint?

Man muss schauen, dass man in seinem Markt bestehen kann. Man muss seine Zielkunden analysieren, und sich dann so optimieren, dass man zu ihnen passt – einfach zu sagen, wir
machen das so schön traditionell wie vor 200 Jahren, damit kriegen Sie die Kunden nicht.

Was suchen die Kunden denn bei Ihnen?

Die suchen nicht, ich muss sie suchen. Mich braucht keiner. Keiner braucht teure Gläser.

Haben Sie das Gefühl, ein paar mehr Vertriebspunkte täten gut?

Handgefertigte Gläser sind ein Spezialprodukt. Ich kann niemanden nötigen, 250 Euro für ein Glas auszugeben. Es gibt eben Leute, die das Außergewöhnliche schätzen, oder dadurch angeregt werden, dass ein Glas etwas Individuelles ist und ein großes handwerkliches Können erfordert. Diese Leute muss ich finden, und ihnen muss ich das Leben leicht machen.

In der Wahrnehmung der Deutschen wird ja Luxus auch sehr zwiespältig gesehen.

Es gibt Leute, die mögen einfache, schlichte Lösungen. Das ist dann persönlicher Geschmack … ich wusste auch nicht, dass es etwas Negatives ist, luxuriöse Produkte herzustellen, ich dachte, dass das eher etwas Positives ist.

Wo liegen Ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen für Theresienthal? Früher war man Hoflieferant des Bayerischen Hofes, heute…

Naja, wenn man früher Hoflieferant war, war man nicht automatisch profitabel. Wir haben das ja in den Büchern festgehalten, wie viel damals in die Königsschlösser gegangen ist, das ist immer schon ein Bruchteil gewesen. Es war immer wichtig, seine Produkte an die richtigen Leute zu bringen. Eine Luxusmarke, die maschinell fertigt, kann natürlich in anderen Größenordnungen verkaufen, da liegt die Herausforderung im Marketing. Aber dieser Herausforderung kann ich mich gar nicht stellen, weil ich den entsprechenden Vertrieb nicht habe. In dem Moment, wo ich ihn hätte, hätte ich die Fertigungskapazitäten nicht. Und wenn ich diese Masse hätte, wäre es nicht mehr exklusiv. Diese spezielle Nische, in der wir sind, ist nie ein Selbstläufer. Die Besonderheit, ein Luxusprodukt für den Haushalt zu haben, ist auch ein Stück weit verloren gegangen, gegenüber Luxusprodukten, die man nach außen trägt, wie Uhren, Mode und Autos.

Edles Geschirr ist ein leises Distinktionsmerkmal.

Ja. Vor 30–40 Jahren gab es noch Kaffeekränzchen, man lud zu sich nach Hause ein und konnte so sein besonderes Geschirr zeigen. Aber das macht man heute nicht mehr. Heute arbeiten Mann und Frau, die haben gar nicht die Zeit dafür. In der alten Bundesrepublik war es lange selbstverständlich, dass die Frau zuhause blieb, wenn das Einkommen des Gatten oder das Erbe gut war, und dann hat man es sich üppig eingerichtet. Wir haben lange von dem westdeutschen Wirtschaftswunder profitiert. Heute deckt man seine Tafel nur noch für sich, wenn man eine spezielle Freude daran hat. Dahingehend haben sich die Rahmenbedingungen geändert, wir haben eine sehr viel kleinere Zielgruppe, die deutlich anspruchsvoller ist.

Auf welcher Qualitätsstufe sehen Sie Theresienthal?

Wir haben Mitbewerber im Luxusglas-Bereich, die maschinell fertigen. Das sind dann aufgehübschte Standardprodukte, die mit entsprechender Kommunikation zu etwas Besonderem gemacht wurden. Und die nächste Steigerung ist dann das Luxusprodukt in reiner Handarbeit, das sind wir.

Sind Sie neben der Glasmanufaktur Poschinger die einzigen, die auf diesem Niveau in Deutschland handwerklich arbeiten?

Poschinger ist ganz was anderes. Zu Poschinger standen wir nie in einem Konkurrenzverhältnis auf dem Markt. Es kann sein, dass wir um Talente, Glasmacher und Graveure konkurrieren, aber in unserem Hauptsegment ist das nicht der Fall.

Bei den französischen Luxusmarken hat man das Gefühl, dass diese von Politik und Gesellschaft anders aufgefangen werden.aufgefangen, sondern verehrt …

Die Deutschen haben den florierenden westdeutschen Wohlstand der wohlhabenden Mittelschicht genutzt und haben dadurch eine gewisse Profanisierung erlebt. Die Franzosen sind da noch ein bisschen engagierter, die haben entsprechende Handelskammern, die Luxus fördern, wie das Comité Colbert, die Botschaften sind luxuriös ausgestattet, sie haben eine lange Tradition als Luxusanbieter. Unsere Botschaften und Regierungsgebäude sind nicht luxuriös ausgestattet, das sind politische Entscheidungen.

Wünschen Sie sich manchmal mehr Unterstützung von der Politik?
Als Unternehmer wünscht man sich immer, dass die Politik sich möglichst wenig um einen kümmert.

Kein Interesse an Förderungen?

Davon profitieren eher größere Firmen, wir haben natürlich nicht die Zeit, uns da durchzuforsten. Wenn alle mit den gleichen Chancen auf dem Markt agieren dürfen, ist eine Förderung ja auch nicht unbedingt hilfreich. Ich spreche mich um Gottes Willen nicht dagegen aus, aber die optimale Förderung für alle gibt es nicht. Die bestünde am ehesten noch darin, die Mehrwertsteuer zu senken und Bürokratie abzubauen. Das würde mir viel mehr helfen, als ein kompliziert zu beantragendes Förderprogramm. In der Zeit würde ich dann doch lieber Gläser verkaufen.

Wäre eine Personalkostenförderung an diesem Punkt vielleicht gut?

Das sind falsche Schwerpunkte. Ich habe nichts dagegen, etwas geschenkt zu bekommen, aber für eine Wirtschaft es ist es gesünder, wenn die Politik sich zurückhält. Gerade für die Kleinen wird es schnell kompliziert. Auf so etwas wie die Datenschutzgrundverordnung, die im Sinne des Einzelnen eine in bester Absicht gemachte Angelegenheit ist, können die großen Firmen leicht reagieren, die leistet sich das nebenbei. Ich hingegen muss dann ackern wie ein Wilder. Und bei uns in der Umgebung gibt es Handwerker, die haben ihre Webseiten wegen der neuen Verordnung abgeschaltet. Man muss tatsächlich ins Telefonbuch gucken, um sie zu finden! Das sind dann Dinge, die nicht bedacht werden.

Die Gesetze werden für die Großen gemacht, ja.

Wenn Facebook verdonnert wird, Hasspostings zu löschen, dann können sie das machen. Ein Start-Up, das eine Kommunikationsplattform aufbauen möchte, kann sich das nicht mehr leisten, immer zu schauen, was man eventuell löschen sollte. Auch hier: die Absicht ist mit Sicherheit keine schlechte, aber im Resultat werden Sperrmauern für kleine Unternehmen
gebaut.

Also. Wunsch eins: Steuern runter. Wunsch zwei: Bürokratieabbau. Wunsch drei: Ausbildungsförderung vielleicht? Wie sieht es mit der Ausbildungsseite aus?

Die Fachschule hier in Zwiesel hat sich in der Ausbildung sehr verbessert, gerade in den Bereichen, die für uns wichtig sind, was ich auch sehr hoch anerkenne. Das ist eine staatliche Einrichtung, die mir wirklich zur Hand geht, vorher habe ich immer selber ausbilden müssen.

Kooperieren Sie mit anderen Manufakturen?

Unser wichtigster Partner ist immer noch Meissen. Wir stellen für Meissen Gläser her und nutzen ansonsten auch gleiche Vertriebsstrukturen.

Aber selbst mit Meissen zusammen sind Manufakturprodukte kein Selbstläufer.

Ein Mercedes 600 von 1965 ist total klasse, das Beste, was Sie damals kriegen konnten, aber wenn Sie ihn jetzt fahren, nervt er Sie nach kurzer Zeit. Da steigen Sie auf den Golf um, weil er leiser ist, sanfter fährt und weniger Sprit verbraucht. Man muss immer die Gegenwart mitbedenken. Das ist auch die Kunst, wenn man historische Produkte in die Gegenwart bringen will.

Dieses Interview ist ein Auszug aus dem Buch:
Handmade in Germany. Manufactory 4.0.
Herausgeber: Pascal Johanssen
Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
Verlag: ARNOLDSCHE; Auflage: 1 (1. Juli 2019)
Sprache: Englisch, Deutsch
ISBN-10: 3897905418
ISBN-13: 978–3897905412
Website: https://theresienthal.de/