In Heike Schnotales Werkstatt in Pirna werden typografische Werke auf Papier gebannt. Ihre Arbeiten bewegen sich dabei zwischen traditionellem Buchdruck, klassischer Typografie und moderner Gestaltung.
Als jüngste gelernte Schriftsetzerin Deutschlands arbeitet Heike Schnotale am liebsten analog, mit traditionellen Bleisetzkästen. Aber auch die Schnittstelle zwischen analogem und digitalem reizt sie. In ihrer Werkstatt bietet sie nicht nur gestalterische Konzeption und Buchgestaltung an, sondern auch Karten für besondere Anlässe, Plakate, Urkunden sowie Druckveredelungen.
Gelernt hat sie ihr Handwerk in der renommierten und traditionsreichen Offizin Haag-Drugulin. Nach zwei intensiven Jahren, die sie dort verbrachte, bildete sie sich durch das Walz-Programm des Vereins für die Schwarze Kunst e.V. weiter und besuchte auch andere Werkstätten, Buchdruckmeister und Schriftsetzer, um ihr Wissen zu vertiefen. Zuvor hatte sie bereits ein Studium in Grafikdesign und Fotografie abgeschlossen.
Neben ihren gedruckten Werken bietet Schnotale in einem vielfältigen Kursangebot Einblicke in ihre Arbeit, wie etwa zu Linolschnitt und Siebdruck. Für Interessierte bietet sie auch individuelle Kurse an.
Was bieten Sie Ihren Kunden? Was suchen Kunden (aus Ihrer Sicht) bei Ihnen?
Die Officina Arcana bietet ein Rundum-Paket für besondere Drucke: vom Design bis zum fertigen Druck auf edelsten Papieren. Dabei fertige ich vorwiegend mit historischen Bleilettern und Druckmaschinen, die allesamt älter als 60 Jahre sind. Hier treffen außergewöhnliche Ideen auf außergewöhnliche Möglichkeiten der Umsetzung. Von Einzel- und Kleinstauflagen bis hin zu mittelgroßen Bestellungen, von kleinen Visitenkarten bis zum Plakat ist dabei fast alles möglich. Am meisten gefragt sind derzeit individuelle Klappkarten in kleiner Auflage. Eine fundierte Beratung und das spezielle Etwas ist das, was die Kunden des Werkstatt-Ateliers suchen. Daneben biete ich außerdem verschiedene Druckkurse und eigene Produkte an.
Was können Sie besser als andere? Oder bescheidener gefragt: Haben Sie bzw. Ihr Unternehmen eine Art Alleinstellungsmerkmal oder besondere Kenntnisse, die ggf. selten sind?
Ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal ist, dass ich studierte Grafikdesignerin, gelernte Schriftsetzerin und auch Buchdruckerin bin. Dadurch kann ich analoges mit digitalem verschmelzen, fließende Übergänge finden und meine Kunden gezielt für ihr Druckprojekt beraten und dieses gestalten. Wenn es auch analog gedruckt werden soll, wird das Projekt direkt in der Officina Arcana umgesetzt, und auf Wunsch auch der Herstellungsprozess für den Kunden dokumentiert. Neben der traditionellen Druckkunst mit detaillierten Anforderungen an eine schöne und fachgerechte Anwendung von Schrift im Bleisatz und bestimmter, sehr präziser Druckqualität ist mir auch eine junge, moderne Gestaltung wichtig. So finden meine Kunden und ich zusammen stetig neue spannende Ideen und Lösungen. Auch wenn mein Beruf des Schriftsetzers eine mehr als 500-jährige, in seinen Grundelementen sehr konsistente Tradition hat, darf man sich nie dem Zeitgeist und Wandel in den Geschmäckern verschließen. Der Anschluss an das Jetzt ist wichtig und dieser wird in der Officina Arcana praktiziert.
Ist das, was Sie tun, typisch für Ihre Region? Prägt das regionale Umfeld Sie und Ihre Tätigkeiten?
Natürlich prägt das Umfeld immer einen selbst und damit die eigene Tätigkeit. Das fängt schon bei der Sprache an, darüber wie ich mein Handwerk ausübe und wie meine Werkzeuge aussehen. Das ist in jedem Land anders. Typisch ist meine Tätigkeit mit Sicherheit heute nicht mehr, jedenfalls hauptberuflich findet man nur noch ganz wenige Buchdruckereien in Deutschland. Aber ich bekomme sehr oft Besuch oder Kontakt zu den Menschen, die früher noch Schriftsetzer und Buchdrucker gelernt haben, oder in einer der großen Schriftgießereien, Druckereien und Druckmaschinen-Fabriken gearbeitet haben. Tatsächlich ist die Druckindustrie für Sachsen sehr wichtig gewesen, nicht nur für Leipzig, auch für Dresden und Umgebung.
Gibt es etwas, für das Ihre Region bzw. Ihr Lebensort besonders bekannt ist?
Vermutlich die Elbe. Und natürlich das historische Dresden. Aber auch unsere Mittelgebirgslandschaft, die moderne Hochschullandschaft und gleichzeitig die hohe Handwerkskunst wie Meißner Porzellan, Glashütter Uhren, Erzgebirgische Holzkunst und so vieles mehr. Ich glaube, jeder findet etwas, das ihn hier begeistert und was man kennt.
Wo gehen Sie hin, wenn Sie entspannen wollen?
Am besten kann ich bei einem langen Waldspaziergang entspannen. Die Sächsische Schweiz und das Erzgebirge sind da genau richtig.
Können Sie ein Restaurant aus Ihrem Umfeld besonders empfehlen?
Pirna hat mehrere tolle Restaurants. Wer die Stadt besucht, hat die Qual der Wahl!
Gibt es einen speziellen Einzelhandelsladen, den Sie empfehlen können, den es nur in Ihrem Ort (oder in der Region) gibt?
Es gibt seit Mitte November den Offline-Shop in der Dresdner Neustadt. Hier gibt es Kunst und Handwerkskunst von mehr als 160 Künstler:innen aus ganz Deutschland, auch die Officina Arcana ist beim Start dabei. Ein Besuch lohnt sich!
Haben Sie das Gefühl, dass die Politik mehr für Sie bzw. Ihre Branche tun könnte? Wenn ja, was?
Ich bin in der Kreativbranche tätig. Allein diese Zuordnung war für Ämter und Kammern ein Problem, weil da wo Druckerei steht, ist bei mir eben nicht Industrie dahinter. Für solche „Spezialfälle“ wie ich es anscheinend bin, gibt es leider mehr Hürden in der Gründung als nötig wäre. 2019 wurden zumindest die Kreativen Drucktechniken und damit der Buchdruck in das Immaterielle Kulturerbe aufgenommen, leider fehlt noch der Schriftguß und Schriftsatz. Dafür, dass Deutschland das Land Johannes Gutenbergs ist und wir mit den Buchstädten Leipzig und Frankfurt und der Druckmaschinenindustrie ein reiches, kulturelles Erbe mit weltweiter Bedeutung haben, gibt es leider so gut wie keine politische Aufmerksamkeit für unsere Arbeit im Erhalt der Druckkunst und der damit einhergehenden kulturellen Bereicherung. Als Teil der Kultur- und Kreativbranche spüren wir auch immer als erstes politischen Druck und Haushalts-Einsparungen. Es wäre schön, wenn wir Kreativen irgendwann als das wahrgenommen werden, was wir sind: eine notwendige Bereicherung für alle Gesellschaftsschichten und keine Belastung.
Wie ist die Ausbildungssituation in Ihrem Bereich? Finden Sie leicht Nachwuchs? Was vermissen Sie?
Leider ist eine Ausbildung zum Schriftsetzer nicht mehr möglich. Ich selbst habe über Umwege und Sonderregelungen den Beruf nach alten Lehrplänen von der Pike auf noch erlernen dürfen, darf aber auch nicht mehr offiziell geprüft werden. Das ist schade, denn so geht ein sehr umfassendes und tieferes Wissen verloren, das eigentlich noch heute Grundlage für Mediengestalter und Grafikdesigner ist. Obwohl das Wissen und Können noch geschätzt wird und gerade die lebendigen Druckmuseen für Führungen, Vorführungen und Mitmach-Angebote dringend Nachwuchs-Kräfte bräuchten, gibt es (bislang) keinen staatlichen Weg, diese Lücke zu schließen. Der Verein für die Schwarze Kunst e.V., dem ich angehöre, hat deshalb ein Stipendium für junge Menschen unter 30 Jahren geschaffen. Dieses „Walz-Stipendium“ ermöglicht mit einem finanziellen Zuschuss die Arbeit und das Erlernen von Bleisatz und Buchdruck in mindestens sechs Wochen und mehr als drei unterschiedlichen Werkstätten. Das Partner-Netzwerk dieser Werkstätten erstreckt sich über Deutschland und mehrere europäische Länder und besteht aus Museen, Druckwerkstätten und Künstler-Ateliers. Wir erfreuen uns über großes Interesse der jüngeren Generation und können so einen Teil des Wissens weitergeben. Unter den Alumni wurden mittlerweile sogar wieder eigene Bleisatz-Werkstätten eingerichtet. Das ist ein großer Erfolg. Von politischer Seite würde ich mir eine gute Lösung wünschen, die es ermöglicht auch in historischen Berufen von den letzten verbleibenden Fachmenschen offiziell ausgebildet und damit anerkannt zu werden. Ein offiziell anerkannter Weg würde sicher vielen vom aussterben bedrohten Berufen helfen Nachwuchs zu finden.
Welches Schulfach sollte es geben, das es noch nicht gibt?
Bei den übervollen Lehrplänen und dem ausgeprägten Lehrermangel würde ich gar kein neues Schulfach wollen. Aber ich stehe immer gern parat um Schuldruckereien einzurichten und aufzubauen: für einen vielseitigen, fächerübergreifenden Werkstatt-Unterricht mit etlichen pädagogischen Vorzügen.
Wenn Geld oder andere Abhängigkeiten keine Rolle spielen würden: Wo würden Sie am Liebsten leben?
Eigentlich genau hier, irgendwo im schönen Sächsischen Elbsandstein- oder Erzgebirge. Nur am liebsten mit noch größerer Werkstatt um noch mehr historische Schriften und Maschinen zu retten – eine Schwäche, die ich mit vielen Schwarzkünstlern teile.
Heike Schnotale
Rottwerndorfer Straße 45K
01796 Pirna








