Was ist Digital Craft?

Pascal Johanssen im Gespräch mit Henrick Mauler.

Entwurf, zeitguised

Gibt es so etwas wie Digital Craft, digitales Handwerk?

Natürlich. Die meisten Leute denken, man drückt da auf einen Knopf und die Maschine produziert den Rest, aber alles, was computerunterstützt gemacht wird, ist extrem handwerklich, das ist wie Glasbläserei oder Modellbau. Die Verknüpfbarkeit und Manipulierbarkeit muss ausgearbeitet werden, dann entsteht etwas Neues.

Entwurf, zeitguised

Was sind aus deiner Sicht die Gemeinsamkeiten und Unterschiede des digitalen Handwerks im Vergleich zum klassischen Handwerk?

Die Hand-Auge-Koordination mit der Ermittlung durch das Medium, die Handgesten und alles, was damit an Fehlern und Komplexität entsteht, ist ja Teil des handwerklichen Prozesses. Dieser hat zunächst einen intellektuellen Ausgangspunkt. Das haben wir bei einer Serie mit algorithmischem Design gemerkt. Es ging um den Versuch, einen Designprozess zu modellieren, der für einen arbeitet und unerwartete Ergebnisse, die eine wiedererkennbare Handschrift haben und dennoch nicht vorhersehbar sind, erzeugen kann. Das sind die beiden Ansätze, die wir in den letzten Jahren verfolgt haben: auf der einen Seite steht die Herausforderung, die Komplexität, die durch den menschlichen Fehler und die Nicht-Wiederholbarkeit einer Muskelbewegung beizubehalten – auf der anderen Seite sehen wir gleichzeitig die Komplexität durch den mathematisch modellierbaren Prozess, der Neues generiert. Es geht um Fehler und Spuren.

Entwurf, zeitguised

Die Autorenschaft ist also das entscheidende Element der handwerklichen Arbeit?

Unbedingt. Die Hand-Auge-Koordination, das intellektuelle Spiel, das Wissen, die Erfahrung und die Autorenschaft – all das geht Hand in Hand mit der Maschine, da ist eine Art Gleichberechtigung am Horizont, außer dass die Maschine nichts will und nur abbildet. Wir sind Gestalter, die beides machen, die Algorithmen wie auch das handwerkliche Design. Wir unterschätzen leicht, wie groß der Stellenwert des Handwerklichen eigentlich ist.

zeitguised, ALCA Roomplan

Kannst du da ein Beispiel aus deinen Projekten herausgreifen, an dem das Handwerkliche am digitalen Handwerk begreifbar wird? 

Unsere virtuelle Modelinie Void Season wäre das. Da existiert quasi nichts davon, es ist alles künstliche Geometrie – aber die muss von Hand erstellt werden. Man muss fast klassisch Schnittmuster zeichnen und sie zusammenfügen. Die Farben, die Oberflächen müssen erstellt werden, das ist ein ganz kunsthandwerklicher Prozess, nur eben mit digitalen Tools, und ohne physisches Feedback. Wir haben dadurch eine ganz andere Art von Kontrolle, eine neue Art von Erzählung, die man zeigen kann in ihren Abstraktionsgraden, die möglich ist. Bei einem anderen Projekt, das wir Intersections nennen, haben wir mit Künstlern und Kunsthandwerkern zusammengearbeitet. Unsere Taschen zum Beispiel wurden von einem Algorithmus in hunderten Variationen entworfen und dann von Hand in Schnittmuster genäht. Da prallen Welten aufeinander in diesem Prozess.