Designforum Berlin

Blick auf das Münze-Oktogon, Entwurf von Axel Binder

Das Designforum in Berlin

Man wundert sich schon, dass es in Deutschland keinen zentralen Ort für zeitgenössisches Design gibt. Ein zentrales Museum oder ein Design-Areal wie in Wien, Paris oder London. Das überrascht umso mehr, als dass Deutschland über eine lange Tradition im Design verfügt, von kunsthandwerklichen Bewegungen wie Jugendstil und Werkbund angefangen bis hin zum Bauhaus oder zur Ulmer Schule, die weltweit erfolgreich die Designwelt inspirierte.

Lagepläne des Designforums

In der öffentlichen Wahrnehmung wurden hierzulande Gestaltungsfragen nach dem Krieg ins Abseits gerückt, und nur so läßt sich auch erklären, dass weder in der deutschen Hauptstadt, noch im Rest Deutschlands ein wirklich konzentrierter Punkt existiert, an dem aktuelle Tendenzen des Designs präsentiert werden. Angesichts der gesellschaftlichen Bedeutung von Design kann das langfristig nicht so bleiben.

Ein früherer Entwurf von Julie Biron am Beispiel der Alten Münze: Keine Aufstockung, sondern eine partielle Ummantelung der Prägehalle

Das Designforum bringt die Bereiche „künstlerisches Handwerk“ und „Design“ an einem Ort zusammen. Beide Disziplinen beschäftigten sich seit einiger Zeit mit umfassenden Aufgaben und rücken den Fokus auf den Menschen: weg vom räumlichen Objekt an und für sich, hin zu den Ideen und Lebensmodellen, die hinter der Form stehen. Die Bewegung des Social Design tritt das Erbe von Bauhaus und Werkbund an, indem es sich mit ganzheitlichen Konzepten befasst, die alle Bereiche des Lebens mit einschließen. Designdenken, Designkritik, Ökologie und Nachhaltigkeit, Globalisierung und Interkulturalität und Zukunftsstrategien werden uns in den kommenden Jahren mehr und mehr beschäftigen.

 

Ökosystem des kreativen Design-Handwerks

 

Ziel des Designforums ist es, Designer zu stärken, in dem die neuen Potentiale, die Design für die gesellschaftliche Transformation bereithält, sichtbar gemacht werden. Zugleich will das Designforum einen Imageschub für das kreative Handwerk bewirken und Einzelakteure, kleine Handwerksbetriebe und Manufakturen in allen Belangen ihrer Entwicklung unterstützen. Denn durch die politisch-ökonomischen Folgen der Globalisierung drohen kleine und mittelständische Manufakturen unterzugehen. Nachwuchssorgen, der Wettbewerb zu industriell gefertigten Konkurrenzprodukten oder die Monopolisierung des Handels führen zu einer wirtschaftlichen Realität, in der die diese nur schwer bestehen können. Für viele ist es wichtig, Umfeldbedingungen zu erhalten, die sie stützen. Ihre Zukunft steht und fällt mit ihrer Fähigkeit, eine gute Balance zwischen Tradition und neuen Wegen zu finden.

Hier kommt auch die Vermittlung digitaler Kompetenz ins Spiel: Gerade die jüngere Generation sieht Technologisierung im Handwerk als Chance, Abläufe effizienter zu gestalten, um neue kreative Prozesse zu beginnen. Handwerk und moderne Technologien ergänzen sich. Die Digitalisierung von Entwurfs-, Herstellungs- und Vertriebsmethoden rückt Produktion und Gestaltung wieder näher aneinander.

Im Zentrum des Forums stehen künstlerisches Handwerk und Design als schöpferische und zugleich wirtschaftlich bedeutsame Disziplinen. Geplant ist die Ansiedelung von kulturellen und kreativen Akteuren auf Flächen für finanzkräftige Ankermieter und kostengünstige Angebote für wirtschaftlich schwächere Mieter, die sich am Schnittpunkt von Kultur- und Kreativwirtschaft bewegen. Zu den Akteuren gehören unterschiedliche Beteiligte wie Manufakturen, Werkstätten, Kunsthandwerker, Designstudios, Restauratoren, Digitalagenturen, wissenschaftliche Institute, Manufakturforschung, Verbände oder Einzelhändler.

Die sechs Bereiche des Designforums

Das geplante Forum besteht aus sechs Bereichen, die sich auf das derzeitige Kopfgebäude und den Altbaubestand der Passarelle erstrecken sowie auf die Prägehalle im Zentrum. Außerdem ist ein Erweiterungsbau auf der Prägehalle geplant, der die Nutzungsmöglichkeiten erweitern wird.

Direktorenhaus 

Das organisatorische Zentrum des Designforums liegt im bereits am Ort ansässigen Direktorenhaus. Es übernimmt als „Center-Management“ die steuernden Aufgaben; früher war hier im Kopfgebäude der Alten Münze ebenfalls die „Direktion“ derselben untergebracht.

Agora 

Dem Besucher öffnet sich das Forum zunächst durch großzügige Ausstellungsflächen in der Mitte des Areals in der ehemaligen Prägehalle. Dies ist ein flexibler Bereich. Hier können mit temporären Ausstellungen, Großveranstaltungen, Konzerten und ähnlich publikumswirksamen Aktionen Besucher in das Areal geführt werden.

Werkstätten 

Die Manufaktur-Werkstätten, die in der Passarelle geplant sind, stellen tatsächliche Produktionsorte dar, in denen die manufakturielle Produktion erfahrbar gemacht wird. Die Möglichkeiten reichen hier von kleinen Ateliers bis hin zu großflächigen Schauwerkstätten bekannter Manufakturen wie der Gipsformerei der Staatlichen Museen zu Berlin. Denkbar sind wirtschaftlich abgesicherte Ankermieter, die die großen bundesweiten Manufakturen Deutschlands stellen könnten. Gleichzeitig könnten in kleineren Parzellen interessante, seltene Gewerke platziert werden wie Hersteller von Wand-Tapissererien, Musikinstrumentenbauer, Bootsbauer, Vergolder, Restauratoren der Denkmalpflege,etc.

Einzelhandelsflächen 

Die Verkaufsflächen – in diesem Fall inhabergeführte und individuelle kleinere Unternehmen im Einzelhandel – gruppieren sich im Erdgeschoß um den weiten Hof des Geländes, der so zusammen mit Cafés und Gastronomie zu einem Aufenthaltsort im belebten Zentrum Berlins wird. Neben diesem touristischen Aspekt bieten die Slow-Retail-Store-Konzepte aber einen ganz handfesten Faktor: Sie bieten einen Verkaufsort für  kreatives Handwerk und Manufaktur-Waren, den es so immer seltener gibt.

Die Alte Münze wirkt sehr geschlossen. Sie sollte “geöffnet” werden.

Bildungseinrichtungen 

Die Ansiedelung von Ausbildungseinrichtungen ist ein weiterer Kernbestandteil, um aufzuzeigen, welche Fülle reizvoller und schöpferischer Berufe das kreative Handwerk bietet.  Das Designforum kann eine Strahlkraft für junge Menschen erzeugen, in dem Handwerk wieder als Tun und Arbeiten, das von Leidenschaft geprägt ist, kennengelernt werden kann. Es ist das Bedürfnis nach Qualität und Substanz, das auf die Spuren des Handwerks führt, und viele junge Menschen suchen genau danach, verbinden mit dem kreativen Handwerk aber kein zukunftsweisendes (auch finanziell attraktives) Berufsbild. Das Designforum kann die Attraktivität von Design und künstlerischem vorleben und gezielt an junge Menschen als berufliche Option herantragen.

Verbände

Abschließend bilden die Verbände, Stiftungen und thematisch nahestehende Organisationen (z.B. NGOs) einen letzten wichtigen Ansiedlungsbereich. Diese Verbände übernehmen die Vernetzung und Strukturierung von Akteursgruppen in bestimmten thematischen Bereichen mit einem gezielteren Fokus.

Erweiterungsbau

Die Prägehalle soll durch einen Erweiterungsbau aufgestockt werden. Das bestehende dreigeschossige Gebäude bleibt äußerlich unangetastet und wird durch einen optisch gleich gewichteten Ergänzungskörper überbaut. Dieser legt sich als „gedoppelter“, zwillingshafter Körper über den bestehenden und setzt sich mit einer umlaufend konturierten baulichen Fuge ab. Dem Prinzip der „Prägung“ folgend, entwickeln sich einzelne Bauteile reliefhaft aus dem Körper heraus, während andere Bauteile als „ausgestanzt“ hinter die gedachte Kontur einrücken. Es entsteht ein bewegter, mehrschichtiger Körper entlang einer klaren ursprünglichen Kontur.

Schaffung von Atrium-Flächen

Die Aufstockung kann von verschiedenen Stadtpunkten außerhalb des Münzareals als „kronenhafter“ vertikaler Abschluss des historischen Areals erfahren werden und symbolisiert so die inhaltliche Neuausrichtung und Vitalisierung des Areals. Die geplante bauliche Erweiterung hat zudem pragmatische Gründe: sie dient der Schaffung zusätzlicher Fläche. Die tatsächliche Nutzfläche im Bestandsbau ist begrenzt, so dass es, wenn günstige Kultur-Mieten am Standort langfristig gesichert werden sollen, Flächen bedarf, die zu ortsüblicher Miete vermietet werden können.

Die Variante der Aufstockung ermöglicht zusätzliche Fläche und neue Plattformen (Konzept: Axel Binder)

Revitalisierung des Stadtkerns

Die „Alte Münze“ ist Teil des kulturellen Gedächtnisses der Stadt. Durch die zukünftige Nutzung als Designforum wird der frühere Altstadtkern wieder an urbaner Qualität und touristischer Attraktivität gewinnen. Als Pfad zur Orientierung in der Kulturlandschaft Berlins wird dann ein konsequenter Weg von der Museumsinsel – der Antike und Klassik – über das alte Schloss/neue Humboldt Forum in die Gegenwart und über das Nikolai- und Klosterviertel zum Designforum zu dem Ort führen, an dem Zukunftsfragen unserer Gesellschaft behandelt werden.

Aktueller Termin
Planungsrunde Berlin.morgen
6.6.2019
Direktorenhaus, Berlin
Mehr Informationen
bei:
Claudia Wagner
wagner@direktorenhaus.com