Kulturgeschichtliche Vielfalt des Handwerks – Das Erzgebirge

Wanderung um Schneeberg

Vielfältige Rad- und Wanderwege, historische Dampfeisenbahnen, über 800 Jahre Bergbautradition, beindruckende Kulturschätze und weltbekannte Handwerkskunst – das Erzgebirge ist die Erlebnisheimat. Eine Region die durch über 850 Jahre Bergbau tiefgreifend geformt wurde. Idyllische Landschaften, einmalige Flusstäler, malerische Ortschaften und historische Bergstädte prägen die Mittelgebirgslandschaft im Herzen von Deutschland.

 

Wanderung im Schwarzwassertal und Grüner Graben

 

Die Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří liegt im deutsch-tschechischen Grenzgebiet. Als UNESCO-Welterbestätte zählt sie zu einer der vielfältigsten Produktionslandschaften manuellen Handwerks. 

Seit den ersten Silberfunden in der Nähe der heutigen Stadt Freiberg im 12. Jahrhundert entwickelte sich das Erzgebirge zu einem Wegbereiter der Förderung metallischer und nichtmetallischer Rohstoffe wie Zinn, Blei, Eisen, Kobalt, Uran, sowie Kalk, Kaolin, Ton und Steinkohle. Die Bergbautätigkeiten führten nicht nur zu einem beispiellosen Ausbau und einer dichten Besiedelung der Region, sondern lieferten auch Materialien und Handwerkstechniken. Die manuelle Produktion einer Vielfalt an Dekorations- und Gebrauchsgegenständen hat im Erzgebirge somit eine lange Tradition. Über die bekannten Holzminiaturen, wie Spielzeug und Weihnachtsschmuck produzieren Manufakturen im Erzgebirge eine breite Palette des Kunsthandwerks im kleinen Format. Dieses reicht von den internationalen Meisteruhrmachern im Landkreis Osterzgebirge bis hin zu Glasgravur, Rasurkultur und der von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe anerkannten Korbflechterei. 

Der Reichtum an Rohstoffen und Produktivität in der Region, der kulturgeschichtlich bis zu antiken Tempelwerkstätten zurückreicht, verband die Region darüber hinaus historisch mit Manufakturen weltweit. Die Förderung von Kobaltpigmenten im Erzgebirge machte es im 18. Jahrhundert beispielsweise zum europäischen Marktführer in der Produktion von Blaufarben. Kobaltblau war nicht nur ein wichtiger Bestandteil in der nahegelegenen Meissner Porzellanherstellung, sondern wurde weltweit für Delfter Keramik, venezianisches oder chinesisches Porzellan gehandelt. Zusätzlich zur globalen Bedeutung erzgebirgischer Produktionen stellten sich mit den wachsenden Industrialisierungen auch neue Herausforderungen an die regionalen Produzierenden. So wurden Räucherkerzen beispielsweise ursprünglich als Arzneimittel gegen Krankheiten wie Keuchhusten und Asthma hergestellt– die bekannte Räuchermännchen in der Art der erzgebirgischen Volkskunst haben somit neben einem Dekorationswert auch einen therapeutischen Ursprung. In der Manufaktur Knox-Räucherkerzen werden sie bis heute hergestellt und mit immer neuen Duftnoten ergänzt.

Bergstadt Marienberg mit St. Marien Kirche und Marktplatz

 

Innerhalb der lokalen wie globalen Verankerung der erzgebirschen Manufakturenlandschaft zeichnen sich die Unikate an Holzspielzeug und Christbaumschmuck der Holzminiaturenmanufaktur Graupner nicht nur durch die Verarbeitung von nachhaltig erwirtschaftetem europäischen Holz aus, sondern entstanden in direkter Anlehnung an spezifische, lokal entwickelte Handwerkstechniken, wie beispielsweise das Reifendrehen. Diese vor 200 Jahre im Erzgebirge entwickelte besondere Form des Drechselns – wie sie zum Beispiel im nahegelegenen Freilichtmuseum Seiffen zu sehen ist – ermöglicht eine manuelle Form der Serienproduktion von Holzfiguren. Andere Manufakturen – wie beispielsweise die Miniaturendrechslerei Uhlig – übersetzen die auf das kleine Format spezialisierten Handwerkstechniken in innovative Einzelstücke – wie die Pocket-Art.

 

Doch nicht nur Holz, sondern auch das per Bergbau gewonnene Silber wird im Erzgebirge sowohl figürlich als auch in der Technik des Klöppelschmucks verarbeitet. Die Goldschmiede Wurlitzer beispielsweise knüpft in seiner kunsthandwerklichen Formgebung beispielsweise an die im benachbarten Plauen des 16. Jahrhunderts entwickelte textile Klöppelspitze an und entwickelt manuell produzierten Silberschmuck somit zu unikaten Manufakten.

Seit 1878 die Deutsche Uhrmacherschule in Glashütte gegründet wurde, entwickelte sich in und um die Kleinstadt im Osterzgebirge ein Präzisionshandwerk der Zeitmessung. In Schmuckstücken aus mehr als tausend bearbeiteten Metallteilen verbinden internationale Uhrmacherbetriebe traditionelle und innovative Manufakturmethoden, wie zum Beispiel die weltweit bekannten Uhren von Glashütte Original oder Lang & Heyne, in denen präzise Handarbeit nach wie vor eines der wichtigsten Qualitätskriterien darstellt.

Innovativ produzieren beispielsweise auch Mühle Rasurkultur. Durch die Entwicklung synthetischer Polymerfasern optimiert der Manufakturbetrieb die Eigenschaften natürlichen Dachshaars für den täglichen Gebrauch und schafft somit eine vegane Alternative zu den Vorzügen feinspitzigen Dachshaars.

Die grenzüberschreitende Region des Erzgebirges bietet somit nicht nur einzigartige Einblicke in jahrhundertealtes wie innovatives Handwerks, sondern ist auch ein Fenster zur Geschichte des Bergbaus, der Industrialisierung und deren vielfältigen Nachwirkungen für Handwerk in Deutschland, Europa und darüber hinaus.

 

Sonnenuntergang am Marienberg, Blick zum Pöhlberg, Fichtelberg und Keilberg vom Flugplatz in Großrückerswalde

 

Wandern um den Schwarzenberg

Fotos (1, 3, 6, 7 und Titelbild): Uwe Meinhold, Copyright Uwe Meinhold (2020)