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Was machen Sinn-Uhren anders?

Autor

Pascal Johanssen

Den Uhren der Manufaktur Sinn musste ich mich über einen längeren Prozess annähern. Ziemlich dezent, diese Uhren aus Frankfurt. Sehr technisch. Ich musste zweimal hinschauen.

Während sich viele andere Marken, auch Uhrenmarken, vor allem über neue Designs in die flüchtige Aufmerksamkeit ihrer Käufer einklinken oder besondere Materialien ins Spiel bringen oder noch ein letztes Mal die eigene Markenatmosphäre mit historischen Bezügen auf das Bauhaus zu veredeln versuchen – all diese Avancen fand ich bei Sinn irgendwie nicht. Diese Marke will sich wohl der zu schnellen Vereinnahmung verschließen, dachte ich so, und mich dazu zwingen, zu verstehen: Wir haben es hier mit einem Beispiel partizipativen Designs zu tun, bei dem sich Gebrauch und Gestaltung überlappen und Designentscheidungen an den Benutzer übertragen wurden, aber, was ich anfangs noch nicht wusste, nicht an irgendwelche Benutzer, sondern ganz außergewöhnliche.

 

Wer sich oft qualitativ hochwertigen Produkten gegenübersieht, filtert zunächst formal-ästhetische Qualitäten. Bei der Porzellanvase fragt niemand mehr nach der Gebrauchstauglichkeit der Vase – es ist eben eine Vase. Man stellt sie hin und betrachtet sie. Hier wirken ästhetischen Reize, die Oberfläche, die Bemalung, die Form, die Wirkung im Raum. Und ja, es brauchte Handarbeit, und zwar viele Stunden Handarbeit, um diese Vase so herzustellen.

 

Diese formal-ästhetischen Variationen entstehen als Reaktion auf die puristische Funktionsästhetik der industriellen Moderne. Die Moderne brachte eine Produktästhetik hervor, die häufig reduziert und funktionalistisch war und hauptsächlich eine exzellente Gebrauchstauglichkeit zum Ausdruck bringen wollte. So entstanden ganze Kataster von Produkten, die so schlicht aussahen, als würden sie besonders gut funktionieren, aber im Grunde überhaupt keinen besonderen instrumentellen Nutzen aufwiesen. Das Benutzerinterface dieser Produkte war einfach nur clean. Es gaukelte mit seiner Schlichtheit eine technische Kompetenz vor, die keine war.

 

Das sind Feinheiten. Man darf nicht vergessen, dass Uhren auch heute noch ab und zu Zeitmesser sein müssen. Wer zu spät zu einer Verabredung kommt, hat womöglich eine erklärungsbedürftige Situation, das kriegt man geregelt. Kommt ein Notfallmediziner zu spät zu einem schwer verletzten Traumapatienten, haben zwei Menschen ein wirkliches Problem. Minuten und Sekunden können den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen. Rettungskräfte nennen das die „Golden Hour“: eine Stunde, um Leben zu retten, 60 Minuten, 3.600 Sekunden. Die Zeit tickert beim Rettungseinsatz im Hintergrund immer mit, wo ein Rettungshubschrauber landet, geht es um jede Minute. Innerhalb der ersten 10 Minuten sollte der Patient geborgen werden, die Blutung wird gestoppt, die Sauerstoffversorgung muss da sein. Worauf will jetzt ein Notfallmediziner schauen, wenn er unter dieser Stressbelastung die Zeit im Blick haben will? Er will auf ein Instrument schauen, mit dem die Zeitspanne einer Stunde perfekt überwacht werden kann. Für diese Situation entwickelte Sinn den EZM 12.

 

Kennzeichen des EZM 12 (EinsatzZeitMesser) sind die zwei Drehringe mit ablaufender und zulaufender Minutenskalierung. Der innere Drehring stellt den Ablauf der„Golden Hour“ dar, der äußere Drehring bietet eine Countdown-Option, so dass z. B. Wirkungszeiträume bestimmter Medikamente oder die noch verbleibenden Minuten bis zum Anlassen der Rotoren des RTH sicher überwacht werden können. Als Reminiszenz an die Luftrettung wurde der Sekundenzeiger als Hubschrauberrotor gestaltet und mit einer Pulsskala kombiniert. So lässt sich die Herzfrequenz alle 15 Sekunden bestimmen. Wenn die Rettungsteams von den 70 Hubschrauber-Stationen in Deutschland mit ihren Transporthubschraubern abheben, um von Klinik zu Klinik zu fliegen, tragen viele Rettungskräfte die EZM 12. Diese Leute sind die Co-Designer der Uhr, diejenigen, die wissen müssen, wie die Uhr auszusehen hat. Das ist wirkliches partizipatives Design.

Und nun: Designpreise.

Ich war ja fast enttäuscht. Wer durch tatsächliche Spezialisierung im Markt eine Akzeptanz erreicht hat, die keiner weiteren Erklärung bedarf, benötigt meiner Meinung nach keinen Designpreis. Daher ließ mich die Breaking News, dass Sinn unlängst gleich zwei bedeutende Designpreise gewonnen hat, erstmal gedankenverloren zurück. War das gut?

 

Die Begründung der Jury des German Design Award 2020, die die Ärzte-Uhr EZM 12 von Sinn prämierte, war eingängig und wahrhaftig: „Diese außergewöhnliche Uhr,“ so die Jury, „präsentiert sich kompakt, zweckmäßig und praktisch. Äußerlich ohne scharfe Kanten, um ein Einhaken zu vermeiden, ist die Funktionalität für Mediziner, für die das Produkt entwickelt wurde, aufgrund der detaillierten Einfassungen sofort ersichtlich und bietet spezialisierte Funktionen, die in Notsituationen erforderlich werden.“  Dagegen läßt sich nichts sagen, denn der German Design Award erkennt an diesem Punkt die Kraft des partizipativen Designs und stellt glücklicherweise nicht auf irgendwelche ästhetischen Finessen ab; den Übergang hin zur ästhetischen Qualität, die den Nutzen nicht vergisst, liefert dafür auch der zweite German Design Award für Sinn in der Kategorie „Excellent Product Design 2020“: Die Jagduhr 3006, so die Jury, sei bei Tag eine Schmuckuhr mit stilvollem Uhrenband, dunkelgrünem Ziffernblatt und einem Gehäuse aus gehärtetem Stahl, wird aber bei Nacht zu einem Werkzeug für Jäger mit leuchtenden Zeigern und Zeitabschnitten sowie einer Mondphasenanzeige.“

 

Doch doch, die Designpreise haben ihr Gutes: Sie haben eine Breitenwirkung, die nicht nur dem Mediziner oder Jäger bestätigt, dass es sich hier um sehr gute Uhren handelt; sie zeigen auch anderen, dass gutes Design innere und äußere Werte gleichermaßen betrifft. Design ist vielschichtig. Design ist heute nicht mehr nur Produkt- oder Grafikdesign, sondern auch Wissens- und Handlungsdesign. Was Beuys für den Kunstbegriff proklamierte, existiert auch im Design, das aus sozialen Prozessen vorangetrieben wird. Mit dieser Erkenntnis ist die Menschheit wieder ein Stück weiter. Mit der Prämierung der beiden Uhren hat der German Design Award kein spektakulär anmutendes, neues Produkt hervorgehoben, sondern eines, dass über Jahre und von vielen kontinuierlich verbessert wurde und bei dem die Verwender am gesamten Designprozess beteiligt waren. Das ist in diesem Fall dann so gesehen doch wieder spektakulär.

 

Pascal Johanssen

Autor

Pascal Johanssen

Pascal Johanssen ist 

vielseitig als Designkurator, Ausstellungsmacher, Festivalmacher und Publizist tätig.

Aktualisiert am 14.02.2020

Bilder: ©WasmachenSinn-Uhrenanders

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